Wie geht es weiter?

Vermutlich wird das jetzt ein laaaanger Beitrag und möglicherweise wird dieser auch gar nicht gelesen. Aber für mich ist es momentan wichtig, all meine Gedanken heute einfach mal aufzuschreiben.
Bis 2008 war ich erfolgreich selbständig gemeinsam mit meinem Mann und habe Bekleidung und Accessoires designt, hergestellt und in wirklich hochpreisigen Läden vertrieben - nicht  nur in Deutschland, sondern wirklich weltweit. Aus einer kleinen Idee entstand etwas Großes und wir waren an dem Punkt angekommen, dass wir Leute hätten einstellen müssen. 
Dann verstarb mein Mann auf einmal ganz plötzlich. Die Welt zerbrach danach aus mehreren Gründen. An einer Fortführung meiner Selbständigkeit war nicht mehr zu denken, da ich selber krank wurde. Über fünf Jahre konnte ich noch nicht einmal mehr ansatzweise mich an die Nähmaschine setzen. Das änderte sich auch nur aus dem Grund, weil meine Tochter an einem Abend mich fragte, ob ich noch Nähgarn und Nadel hätte, da sie ein ca. 3 Meter langes Stoffstück umsäumen müsse für den Kunstunterricht am anderen Morgen. 3 Meter mit  Hand umsäumen? Abends um 20.00 Uhr? Das wollte ich ihr nicht antun und das war tatsächlich der Grund, mich wieder an die Nähmaschine zu setzen. Meinen ersten Geradstich nähte ich unter Tränen, denn für mich war damit eine riesengrosse Blockade gelöst.
Nach meiner Nähabstinenz musste ich feststellen, dass sich die Nähszene in den fünf Jahren sehr verändert hatte. Bislang kannte ich lediglich das toll geführte Nähforum der Hobbyschneiderinnen von Anne Liebler, aus dem sich damals auch tolle Gemeinschaften und Treffen herausgebildet haben.
Nähen nach ebooks war für mich so ziemlich etwas Neues und auch, dass es auf einmal so viele gab, die Schnitte designten und als ebook verkauften. 
Dann sprachen alle von Probenähen, wollten dabei sein und ich wusste überhaupt nicht, was Probenähen eigentlich bedeutet. Viele sagten nur, dass es unglaublich schwer sei, in solch ein Probenähen einsteigen zu können/dürfen.
Ich sprang mal auf den Zug auf, bewarb mich und wurde zu meinem Entsetzen noch nicht einmal angenommen. Irgendwie war mein Ego da schon verletzt, aber dennoch motivierte es mich, mich mehr in die Szene zu begeben. Mensch, was war ich stolz, als ich das erste Mal beim Probenähen dabei sein durfte.
Es machte total viel Spaß mit mehreren Mädels gemeinsam  ein Projekt zu nähen, dafür zu werben und irgendwie mit für den Verkauf (serfolg) ein Stück beitragen zu können. 
Einmal beim Probenähen dabei gewesen und ich hatte Blut geleckt. In vielen, vielen Runden durfte ich dabei sein. Ganz viel Nähzeit habe ich investiert und auch Stoffe und damit verbunden Geld und ... Zeit. Zeit die ich möglicherweise für andere Situationen hätte nutzen können/ sollen. Aber ich hab mir ja gesagt, dass ich diese ausreichend habe, da ich ja berentet bin und nicht mehr arbeite.
Meinen ganzen Idealismus steckte ich in die Näherei und ich muss zugeben, eigentlich wollte ich auch "Eine" von den  sog. "Großen" sein. 
Vor zwei Jahren gründete ich die Gruppe "Nähmode Ü40". Mein Ziel war es, hier eine Plattform zu schaffen, auf der auch die "Älteren" ihre Nähwerke präsentieren sollen/ können, ohne Angst auf negative Äußerungen zu bekommen. Gerade der Umgangston im Netz missfällt mir nämlich in einigen Gruppen sehr. 
Es ist schön zu sehen, dass ich dieses Ziel weitestgehend erreicht habe.
Natürlich war ich weiterhin total engagiert bei vielen Probenährunden. 
Ich bin dankbar, dass ich dadurch ganz, ganz viele tolle Mädels kennengelernt habe und sich auch Freundschaften gebildet haben. 
Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Bedeutung es hat, dass mein Wissen auf einmal doch für einige von Nutzen war. Infolge dessen habe ich dann den "nähtalk" ins Leben gerufen. 
Nun gab es die Gruppe, das Probenähen, dann das Nähen von Kleidung, die ich mir wirklich nur für mich nähe und designe und den Nähtalk. Frei nach dem Motto ... wie erschaffe ich mir einen Arbeitsplatz und setze mich selber noch unter Druck. Den Druck, etwas rechtzeitig zu posten, überhaupt zu posten, den Druck "ich muss nähen"!, den Druck Stoffe zu kaufen. ....
ach da gibt es sicherlich noch unendlich viel, was ich aufzählen könnte.
Unendlich viel Zeit und Kraft geht bei all den Sachen drauf und das nur unter dem Aspekt "wie kann ich auf mich aufmerksam machen", wie werde ich bekannter, wie bekomme ich meine persönliche Bestätigung. 
Wer würde auf dem Arbeitsmarkt wohl sonst eine Arbeit aufnehmen, für die er keinerlei Geld verdienen würde? Mit Sicherheit kaum einer. 
All die Dinge, die ich ins Leben gerufen habe, habe ich mit Leidenschaft betrieben, aber es hat mich wertvolle Zeit gekostet, die ich hätte Anderen im realen Leben hätte widmen sollen.
Das wirkliche reale tägliche Leben ist zu kurz gekommen und obwohl ich so viel Zeit in die Nähszene wieder investiert habe, ist meine Rechnung auf Suche nach Anerkennung, Bekanntheit nicht aufgegangen. 
Heute kann ich noch nicht sagen, wie sich mein Weg weiter gestalten wird. Es wird sich zeigen. 
Ich liebe das Nähen und auch das Designen und Konstruieren. Hier werde ich meinen Fokus hinlegen, denn das sind auch die Bereiche, die ich gelernt habe. 
Aber mir ist klar geworden, dass ich durch all meine Aktivitäten das Wichtigste verloren habe. Und so, wie es war, wird es jetzt nicht weitergehen.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Es kann dir nicht leicht gefallen sein, dein Dilemma so offenzulegen. Seine schwache Seite zu zeigen macht angreifbar, was speziell in der Anonymität des internets ausgenutzt wird.
Du bist mit deiner Situation einzigartig, aber nicht alleine. Jeder, der schon mal versucht hat sein Hobby oder seine Herzensangelegenheit in eine auch finaziell einträgliche Betätigung umzuwandeln kennt die Problematik. Der Ehrgeiz es gut - und allen Recht machen zu wollen führt zu einem enormen Druck. Die investierte Zeit und das nötige Budget stehen am Ende in keinem zu techtfertigenden Verhältnis zur Anerkennung und Selbstbestätigung.
Ich habe mich selbst mit einem Kompromis gut arrangiert: ein 30 Std Job, der von meiner Nähwelt ganz weit weg ist, aber mir Freude macht, und mir zeitlich und finanziell erlaubt kreativ für mich, meine Familie und Freunde zu sein.
Du wirst deinen Weg finden, hast ihn wahrscheinlich schon im Hinterkopf. Es ist ein Zeichen von Reife und Grösse einzugestehen, dass sich ein Plan nicht so entwickelt hat, wie man hoffte. Aufstehen, Krone zurechtrücken, weitergehen. Alles Liebe!
Anonym hat gesagt…
Du bist einfach wunderbar - habemich selbst eigentlich nie eingebracht mit Fotos aber Deinen Blog immer verfolgt. Deinen Weg wirst Du sicher finden - lass Dir Zeit ! Auf jeden Fall halte ich Dir die Daumen, dass es ein guter Weg wird und wünsch Dir alles erdenklich Liebe !
Anonym hat gesagt…
Ich bin Stella,also nicht anonym,aber etwas unbeholfen. Ich schicke dir Kraft und Zuversicht! Fühl dich gedrückt.
Leela Vogl hat gesagt…
Danke, liebe Bettina, von Herzen, dass du das mit uns geteilt hast, so verstehe ich ein wenig mehr von dir
Anonym hat gesagt…
Danke für deine offenen Worte.
Im Grunde unseres Herzen suchen wir immer nur uns Selbst. Abgelenkt durch das was im Außen ist, meinen wir, wir müssen immer besser und schneller sein, als andere und beginnen uns zu vergessen. Wir hetzen Aufmerksameit, Anerkennung und Liebe hinterher, wünschen sie uns von anderen und können sie uns selbst nicht geben, weil wir dieses nicht erkennen oder garnicht mehr wissen wie wir das anstellen sollen. Hat es dich wirklich wertvolle Zeit gekostet ? Ich glaube, es was genau dein Weg um nun zu erkennen was ist. Was wichtig war und vorallem was nun wichtig ist. Innezuhalten, den Blick nach innen zu richten, deine Berdürfnisse zu erkennen und dich neu auszurichten. Nichts im Leben geschieht einfach so. Und sehen wir das Leben nicht, wird es uns solange dazu auffordern, bis wir es verstanden haben. Dann dürfen wir neue Wege gehen. Verändern.
Veränderung brauchen Mut, Neugier und ein offenes Herz. Das alles wünsche ich dir von Herzen. Sabine
Nähoma moni hat gesagt…
Liebe Tina, lass dich drücken.

Es ist sehr schwer, seinen richtigen weg wieder zu finden. Man kann nur verschiedene Dinge ausprobieren und hoffen für sich das richtige zu finden.
Nach deinem Verlust, deiner Krankheit, finde ich es toll, was du wieder auf die Beine gestellt hast.
Das Leben muss weitergehen, leider hast du für dich bisher nicht das gefunden was dich wirklich glücklich macht.

Die Familie ( Kinder, Enkel, Geschwister) darf dabei nicht zu kurz kommen, denn sie ist das wahre Leben. Ich merke es selbst, wie wenig Zeit neben dem Nähen und posten für andere Dinge bleibt, man wird auch ein wenig süchtig, nach mehr, mehr...
Zum Glück bin ich nicht allein, habe jemanden der auf mich aufpasst und mich zur Vernunft ruft.
Ich drücke dir die Daumen, halte ein wenig inne, schau in dich hinein was du wirklich vom Leben willst und packe es an!

Liebe Grüße moni
monkaka hat gesagt…
Ich drück dich liebe Bettina, wünsche Dir Kraft Deine für dich jetzt wichtigste "Baustelle" zu managen. Lass dich selbst nie aus den Augen...(höchstens mal für kurze Zeit) lg moni
HolyCows Blog hat gesagt…
Hallo Bettina, du machst alles richtig. Auch wenn du dich gerade wie in einer Sackgasse fühlst, haben dich die Erfahrungen die du auf dem Weg gesammelt hast reicher gemacht. Und führen dich nun auf einen besseren Weg. Dass in der Näh-eBook Szene wahnsinnig viel Selbstausbeutung betrieben wird, fällt den meisten ja gar nicht mal auf. Ich bin ausgebildete Werbe- und Medienfachfrau und beobachte fasziniert, wie dieses System dadurch funktioniert, dass Menschen freiwillig und unentgeltlich teilweise sehr professionelle Product-Samples und Produktfotos, gar ganze Fashion-Fotostrecken produzieren UND Nachfrage generieren durch Content-Entwicklung und dem eifrigen Arbeiten an steigenden Blogreichweiten. Ein ebook Ersteller hat überhaupt keine Werbekosten und auch der eigene Aufwand hält sich da in Grenzen. Super, wenn es so einfach ist, mach ich doch auch Schnittmuster ebooks - nicht. Ich habe tatsächlich mal mit dem Gedanken gespielt, aber nein - nicht auf diese Weise. Ich habe ein einziges Probenähen mitgemacht um das Verfahren zu verstehen, mir damit aber keinen zu großen Druck gemacht, denn der Schnitt hat für mich gar nicht funktioniert. Statt dessen hat es mich dazu gebracht, zu lernen, wie man einen Maßschnitt erstellt. Und ich nähe Probe für sehr hochwertige und teure Biostoffe, wo ich zumindest mit meterweise Stoff entlohnt werde, den ich mir selbst auswählen darf und es steht mir völlig frei, was ich daraus nähe. Warum das Probenähen für Schnitte so heißbegehrt ist, kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Warum Schnittmusterhersteller diesen Weg gehen allerdings schon - bzw. ich müsste doch noch einmal ausprobieren, ob sich damit dann wirklich Geld verdienen lässt. Bei der unüberschaubaren Vielzahl an Hoodie und Sweatkleider Schnitten ist da vielleicht auch kein Topf mit Gold am Ende des Regenbogens. Oder nur ein kleiner. Alles Gute für dich auf deinem neuen Weg, du wirst ihn finden! LG Kathrin
P.S.: Mein Vater gab mir mal mit auf meinen Weg: "Pass auf, wenn du dein Hobby zum Beruf machen willst. Am Ende hast du kein Hobby mehr."